Red eyed tree frogs

Here I am Red eyed tree frog 1

Advertisements

Die Leidenschaft des geschriebenen Wortes

Die Bibliotheken in den unendlichen Weiten

Das Phänomen ist weltweit verbreitet und es gibt Tausende von Menschen, die sich dieser Leidenschaft hingeben und völlig in ihr aufgehen. Wovon ich hier spreche, fragen Sie, mein werter Leser, sich?

Von den sogenannten Fanfictions oder auch Fanfiktions, die auch kurz nur zu gerne FFs genannt werden. Doch was sind Fanfiktions und warum scheinen sie ein solches Massenphänomen zu sein?

Fanfiktions sind Geschichten, die von Fans geschrieben wurden und in der Regel auch für Fans sind. Jedoch muss man auch erwähnen, dass es eine rechtliche Grauzone ist, weder gänzlich legal noch illegal. Es gibt mittlerweile Millionen Geschichten im Internet, ganze Foren bestehen nur zu diesem Zweck und man kann sie mit Sicherheit liebevoll die ganz speziellen Bibliotheken nennen, wo man finden kann, was das Leserherz begehrt.

Wie beliebt solche Geschichten sind, sieht man an der Zahl der veröffentlichten Werke. Allein im Bereich der Fanfiktions zu Büchern sind auf fanfiktion.de 74.678 Geschichten verzeichnet. Jeden Tag kommen mehr dazu und weltweit sind es noch sehr viel mehr. Um das aufzuzeigen, nehme ich wegen dem momentanen ‘Der Hobbit’-Hype die Werke Tolkiens und auch die zur ‘Harry Potter’-Reihe. Allein auf fanfiction.net und fanfiktion.de zusammengefasst kommt man auf sage und schreibe über 70.000 Geschichten zu Tolkien, zu Harry Potter existieren sogar weit über 730.000.

Die Gründe des Schreibens sind vielfältig, doch gerne wird vom Spiegel auch nur erwähnt, dass die Fans unfähig sind, von ihrem Lieblingswerk Abschied zu nehmen und die Geschichte als beendet anzusehen.
Ich wage zu behaupten, dass das durchaus ein Grund, eine Motivation ist mit dem Schreiben zu beginnen, doch mitnichten ist es der einzige.
Es gibt sehr viel mehr Gründe zu schreiben und der Spiegel will – um massentauglich zu sein – diese offensichtlich unterschlagen. Denn die meisten Autoren schreiben aus Liebe zu dem Werk, welches sie auserkoren haben. Es ist der Wunsch, das Werk mit Ehre zu behandeln, den Charakteren eine Tiefe zu geben, die sie möglicherweise nicht haben und Lücken, die entstehen zu fühlen. Oft kommt auch noch eine gewisse Unzufriedenheit mit der Handlung hinzu, die gerade bei populären Werken oft voraussehbar ist. Noch dazu kommt, wenn der eigene Lieblingscharakter im Laufe der Handlung umkommt und man zutiefst getroffen das hinnehmen muss. Aber ebenso kommt gerade bei verfilmten Werken eine Begeisterung hinzu, die man glaubt, teilen zu müssen – und es gibt durchaus jene, die dies mit großem Erfolg und Talent auch machen.

 

Das Plagiat – oder doch nicht?

Ein Plagiat ist ein Verwenden von ideellem Material, sprich geistigem Eigentum ohne Erlaubnis (und korrekte Zitierung). Man könnte Fanfiktions vorwerfen ein Plagiat zu sein, jedoch reden wir von Geschichten, die nicht Passagen und ganze Seiten eins zu eins übernehmen, sondern nur Figuren und die Welt entlehnen, aber etwas Neues daraus machen – weshalb man ein Plagiat verneinen kann.

Geschichten entstehen seit jeher aus Archetypen, die nur in neuen Konstellationen eine völlig andere und interessante Erzählung ergeben. Zudem lebt unsere Kultur von diesen Neuzusammenstellungen von Archetypen, Handlungswendungen und Ideen, die hier gerne als Plotbunnies bezeichnet werden, da gerade die Ideen sich wie Kaninchen zu vermehren scheinen.
Fanfiktion tut nichts anderes – sie verwendet eben noch die Namen und Bezeichnung des Originals Fanfiktions leihen sich die Welten und Figuren der Originale aus und schreiben damit eigene Geschichten. Manche Autoren mögen es, manche verabscheuen diese Art der Verehrung wie Anne Rice uvm. Aber es ist im Endeffekt ein Prozess so natürlich wie atmen und seit Jahrtausenden praktiziert. Wie oft wurde die griechisch-römische Mythologie kopiert und verwendet? Die Ilias, die schon von Vergil kopiert wurde und durch Dante zur göttlichen Unsterblichkeit gelangte? Wer die großen Werke unserer Kultur des Westens kennt, weiß – zufällig ähnliche Handlungen, Charakterdarstellungen und Anspielungen gibt es nicht!
Natürlich sei erwähnt, dass dieses Ausleihen nicht immer… nun ja, lesenswert ist. Schließlich sind die Jugendlichen, die in der Regel durch Verfilmungen zum Schreiben kommen, keine kleinen Dantes, Ciceros und Vergils. Jeder fängt klein an und muss durch die Ebenen der Hölle, die Hänge des Purgatoriumberges hoch hinauf ins Paradies, wo hoffentlich Beatrice auf einen wartet, da Vergil einen nicht mehr weiter an der Hand nehmen kann.

Doch es gibt genügend engagierte Autoren auf fanfiktion.de, die Recherche in einem Ausmaß betreiben, worüber wohl nicht wenige den Kopf schütteln. Gerade im echten Bekanntenkreis wird man sicher zum Hören bekommen – wenn diese von dem Hobby wissen sollten – dass man doch nicht so viel Aufwand für eine Geschichte betreibt, an der man noch nicht einmal verdienen kann. Allerdings wird jeder Fanfiktion-Autor eines über seine Geschichten sagen: Sie sind es wert!

Abgesehen davon, dass viele auch kein Interesse haben, diese Geschichten dem reißenden und tödlichen Absatzmarkt zu überlassen, da viel zu viel Herzblut, Liebe und Detail eingeflossen ist. Diese Subkultur – um den Begriff von Frau Alterauge zu verwenden – lebt anders, möglicherweise auch bewusster. Es geht nicht darum etwas zu vermarkten, sondern dem geliebten Werk Respekt zu zollen – zumindest meistens, denn Jugendliche tendieren auch dazu, über das Mittel des Schreibens Aufmerksamkeit bekommen zu wollen. Dass viele gut schreiben können und sich darüber tatsächlich auch besagte Aufmerksamkeit holen, steht außer Frage. Bei vielen versteht das Umfeld nicht, was sie machen und besonders warum. Auf Plattformen wie fanfiktion.de, der bekanntesten und bedeutendsten dieser Art im deutschsprachigen Raum, oder auch ihren englischsprachigen Pendants wie fanfiction.net, archiveofourown.org und ähnlichen finden junge und alte Schreiber “Seelenverwandte”, die ebenso für Fanfiktion empfinden wie sie selbst. Zudem werden sie nicht seltsam angesehen, nur weil sie ein sogenanntes Pairing, ein Bezeichnung für eine Beziehung zweier Figuren, shippen, also diese zwei Figuren mit besonderer Leidenschaft schreiberisch zu verwenden.

Nicht fehlen dürfen bestimmte Abkürzungen, die man z.B. auf fanfiktion.de im Glossar nachschlagen muss, aber selbst alte Hasen wissen nicht immer alle, weshalb es auch keinerlei Probleme gibt diese Kürzel zu erfragen.

Natürlich darf man nicht alles schreiben, nur weil es so lustig ist, sondern auf fanfiktion.de gibt es Regeln, die von der wunderschönen “Dekoration”, den Damen und Herren von den Operatoren und Administratoren, der Seite – die schon länger existiert, als das neue Design – täglich bei Stichproben ob der Einhaltung besagter Regeln und Alterskennzeichnungen überprüft werden. Die Regeln sind strikt und die Konsequenzen von Fehlverhalten werden konsequent durchgesetzt. Jugendschutz ist wichtig und gewisse Geschichten sind auch nur durch Ausweisverifikation bzw. ab 23.00 Uhr zugänglich.

Ebenso können die User der Seite mithelfen, indem sie der Dekoration die regelwidrigen Geschichten melden. Wir befinden uns also nicht auf einem Gebiet reiner Anarchie – wobei das scheint offensichtlich Definitionssache zu sein.
Sollte also eine Geschichte nicht regelkonform sein, wird sie gesperrt und bei Nichtbearbeitung nach einer gewissen Zeit gelöscht. Allerdings nicht ohne, dass der Autor darauf hingewiesen wird, was hier “falsch” sei und korrigiert werden müsse.

 

Der Weg vom Fan zur eigenen Welt

Es gibt einen sehr faszinierenden Fakt bei Fanfiktions. Abgesehen davon dass sie viele zum Schreiben bringen und die Liebe zum Wort entfachen, gelangen viele Autoren über diese Art des Kreierens zu ihren eigenen Werken. Sie beginnen mit dem Schreiben von Fanfiktions, nur um dadurch auch mit dem eigenen Roman, der eigenen Welt und den eigenen Figuren zu beginnen.

Man kann Fanfiktions als eine Art Schule der zukünftigen Literatur ansehen, die auch berühmte Frauen und Männer hervorbringt. Cassandra Clare ist eines dieser Beispiele, die mit ihrer “Die Chroniken der Unterwelt”-Reihe großen Erfolg feiert, aber auch bekannte Werke wie “50 Shades of Grey”, die eigentlich zu Beginn eine Fanfiktion zu Stephenie Meyers “Twilight”-Saga waren, können hier eingereiht werden. Selbst Größen wie G.R.R. Martin haben Fanfiktions (für Suvudu Cage Matches) geschrieben.

Ist Fanfiktion also der erste Schritt zur eigenen literarischen Karriere?

Man kann dies durchaus sagen, da durch das Schreiben von Fanfiktions die eigenen rhetorischen Fähigkeiten, der Wortschatz und auch die Ausdrucksweise an sich geübt und erweitert werden. Man sammelt Erfahrung und das auch noch mit Spaß. Das soll nicht heißen, dass es keinen Spaß macht, etwas ganz Eigenes zu erschaffen, sondern nur, dass durch die vorgegebenen Welten und Figuren, der Druck herausgenommen werden kann, alles in Selbstregie zu kreieren und sich damit auf die Erstellung einer Handlung, die Charakterzeichnung und die soziale Interaktion der Charaktere zu konzentrieren.

Wer einen Blick ins Forum von fanfiktion.de wirft, findet dort sogar die sogenannte Schreibstube, in der man einen Ausschnitt seines Textes posten und bewerten lassen kann. Das ist keine einfache “Ja, toll gemacht!”-Kritik, sondern sie ist konstruktiv und man will dem Autor dabei helfen, sich zu verbessern. Ebenso gibt es auch Threads, in denen man auch zum Beispiel medizinische Fakten, u.ä. erfragen kann, wenn man selbst nicht weiter weiß.

Mit der Abteilung für die sogenannten Freien Arbeiten existiert auf fanfiktion.de ein Bereich für eigene Werke, egal ob diese im Bereich Prosa oder Poesie angesiedelt sind. Das lässt die Seite durchaus hervorstechen, da sie damit nicht nur den Fanfiktion-Autoren ein “Zuhause” bietet, sondern auch den anderen Autoren, die durch mögliche, positive Rückmeldung, auch Reviews genannt, den Sprung zur Schriftstellerkarriere wagen.

Ein Bewertungssystem, was gut und was schlecht ist, gibt es nicht. Zwar könnte man anhand der Anzahl der Rückmeldungen sagen, dass eine Geschichte mit vielen Reviews eine gute sein muss, das ist allerdings nicht immer der Fall. Man kann hier höchstens von einem Indiz sprechen, da auch viele hochwertige Texte kaum Rückmeldung erhalten. Somit ist man “gezwungen” selbst zu lesen, ob der Text lesenswert ist oder nicht. Wer suchet, der findet und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Wie gut ein Text ankommt, kann nur der Autor selbst wirklich sehen, da nur er Einblick hat, wie viele Zugriffe, Reviews und Favoriten, also Speicherung in einer Liste von anderen Usern, die eigene Geschichte hat.

Im Endeffekt geht es vor allem um eines: Spaß zu haben – beim Schreiben wie auch Lesen.

Somit kann man abschließend eines sagen: Fanfiktions sind ein eigenwilliges Medium, dem man zwiespältig gegenüberstehen kann. Jedoch sollte man das Potenzial in ihnen sehen, denn in diesen Foren schreiben bereits die möglichen Autoren der Zukunft.